Eine YouTube-Lizenz, bitte

Broken TelevisionLeider kein Scherz:

Ich fahre in Urlaub, drehe ein kleines Filmchen über meine Erlebnisse und möchte meine Freunde daran im Internet teilhaben lassen – vorher habe ich aber bitte schön eine Senderlizenz zu beantragen, deren Genehmigung vermutlich Monate braucht.

Bizarre Vorstellung?

Nein, der Wunschtraum der Landesmedienanstalt NRW – und hoffentlich eine der letzten Zuckungen einer überkommenen Institution. Und einem Interview mit der „Taz“ begründet Norbert Schneider, Chef der Landesmedienanstalt der NRW solch eine Lizenzierung für jeden, der Videos im Internet veröffentlichen möchte auch noch damit, dies sei keine Beschränkung, sondern Schutz. Diese Argumentationslinie kennt man sonst nur aus Ländern wie China oder dem Iran.

Solch irrwitzige Vorschläge passen ins Bild, das Deutschland im Jahr 2007 bietet: In keinem Land mit demokratischer Grundordnung wird so negativ und hämisch über das Internet berichtet, in keinem Land der westlichen Welt sind die Entscheider in Politik, Verwaltung und Wirtschaft im Bereich Web so inkompetent wie hier zu Lande. Ohne sich mit dem Thema zu beschäftigen werten sie das Internet wahlweise ab als Hort des Drecks, des Kindermissbrauchs oder der Dummheit – oft genug auch alles zusammen. Dabei braucht dieses politikverdrossene Land nichts dringender als Menschen, die bereit sind zu Diskurs und Kreativität.

Thomas Knüwer über die Idee, Videoveröffentlichungen im Internet vorab lizensieren lassen zu müssen.

Wenn man manche Leute reden hört (oder liest) muss man mit dem Kopf schütteln und sich beim Kalender versichern, dass es wirklich das Jahr 2007 ist. Die Erkenntnis, dass solch antiquierte Vorstellungen an den Spitzen einflussreicher Gremien vorherrschen, ist einigermaßen schauderhaft.

Leider befindet sich Norbert Schneider aber in bester Gesellschaft: Inmitten von Politikern, die sich unsicher sind, was eigentlich ein Browser ist, oder ihre eigene Homepage sowieso eigentlich noch nie besucht haben:

Link: sevenload.com

Andererseits muss sich der Innenminister ja auch nicht im Internet auskennen, um es mal kurz überwachen zu lassen.

(Bild “one less television” Creative Commons-lizensiert von Kevin Steele auf flickr)



3 Responses to “Eine YouTube-Lizenz, bitte”

  1. 1
    martin Says:

    Daß Ströbele und Westerwelle solche Spacken sind, erschreckt mich jetzt aber schon ein wenig. Von den anderen Knallchargen hätte ich eh nichts anderes erwartet. Hoffen wir mal, daß die irgendwann nachwachsende Politikergeneration nicht genauso ignorant ist, wie ihre Vorbilder. Aber wenn selbst ein Jüngling wie Westerwelle (geboren 1961) so drauf ist, habe ich eigentlich kaum Hoffnung.

    Wenn Du Dich aus unserem Technikfreak-Paralleluniversum herausbegibst, wirst Du feststellen, daß es da draußen generell nicht so aussieht, als würden wir das Jahr 2007 schreiben. Wenn meine Frau auf Feiern erzählt, was sie mit ihrem eigenen(!) Laptop(!) unter MacOS(!) (immerhin nicht mehr unter Linux) so alles im Internet(!) macht, wackeln 99% der Verwandtschaft ungläubig mit dem Kopf. Denen darf man schonmal nicht die Kompetenz zutrauen, mit Internet-Panikmache (so will ich das mal nennen) adäquat umzugehen.

    Ich bin unterdessen schon fast wieder so weit wie Ströbele: Wenn ich irgendwo im Internet was sehe, das mir gefällt, dann lasse ich das gern mal von meiner Frau bestellen(!), damit ich selbst nicht mit der Kreditkarte(!) (!!!) hantieren muß. ;-)

  2. 2
    Fred Says:

    Na, man muss ja auch delegieren können (“Schatz, mach mal Ebay!”) ;)
    Im übrigen ist die Unkenntnis des -äh- nicht technikbegeisterten Teiluniversums zwar ziemlich erschreckend, andererseits sorgt sie dafür, dass unsere Berufsbilder noch eine lange, florierende Zukunft haben… Darum weiß ich manchmal wirklich nicht, ob ich lachen oder weinen soll, wenn ich sowas höre ;)

  3. 3
    lemming Says:

    Ich war mal auf einem Vortrag von Alvar Freude zum Thema Zensur im Internet. Der hat von einem Kongress über die Bekämpfung von Kinderpornographie berichtet wo ein Redner, der für eine Kontrolle im Internet plediert hat, einen Ordner hoch hielt (ob’s jetzt nur symbolisch war oder ob er’s wirklich gemacht hat, weiß ich nicht) und meinte “Ich habe hier das Internet und da sind ganz schlimme Sachen drin. Das müssen wir unterbinden.”

    Daher :

    “Ohne sich mit dem Thema zu beschäftigen werten sie das Internet wahlweise ab als Hort des Drecks, des Kindermissbrauchs oder der Dummheit – oft genug auch alles zusammen.”

    Die Leute setzen sich sehr wohl mit der Materie auseinander, aber nur aus Ihrem Sichtwinkel und da erscheint das eben unglaublich brutal und bedrohlich und da muss was dagegen getan waren…. So die Intention. Dass Sie bei solch geballtem Müll, den sie vorgesetzt bekommen und mit dem Label Internet drauf gleich zum Holzhammer greifen ist verständlich.

    Und jetzt stelle man sich vor, dass alle Sendelizenzen in NRW von dieser einen Stelle reguliert wurden und nun reißt man ihr das Zepter förmlich aus der Hand und sie können gar ncihts dagegen tun. Plötzlich kann jeder – insbedonere die, denen man VORHER keine Lizenz geben wollte – im Internet senden. Eine furchtbare Vorstellung.

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